Angedacht

...von Pfarrer Josef Jirasek

Liebe Gemeinde,

 

eine heftige Zeit war das. Kaum nachzuvollziehen. Millionen Menschen unterwegs. Auf der Flucht. Vor Katastrophen, vor Krieg, Gewalt, Hoffnungslosigkeit, Armut. Man begegnet sich am Hafen. Warnungen werden ausgesprochen: Hütet euch vor Leuten, die angeblich das Beste für euch wollen. Die euch ihre Hilfe anbieten. Es können Betrüger sein, die allein euer Geld im Auge haben. Denen es egal ist, wie ihr am Zielhafen ankommt.

 

Verloren stehen sie da und warten. Kinder weinen. Was lässt man alles zurück?! Heimat, Freunde, die gewohnte Umgebung. Zweifel kommen auf. Mache ich das Richtige? Was gebe ich alles auf, was lasse ich für immer hinter mir?

 

Das ist ja doch mehr als die Angst, mit der man tagtäglich lebte. Das ist ja doch mehr als die Zeit, als es gar nichts mehr zu essen gab. Vielleicht hätte man es doch noch einmal genauer überlegen sollen. Vielleicht hätte es doch noch eine Chance gegeben. Aber es war zu spät. Man stand hier. Am Hafen. Mit den anderen, die sich auch nach vorne drängten. Mit dem wenigen Hab und Gut, das jeder mitnehmen konnte. Wirklich nur die allerwichtigsten Dinge. So vieles blieb zurück!

 

Und dann die Überfahrt. Voll gedrängt auf winzigem Raum. Keine Luft zum Atmen. Krankheiten, die sich schneller ausbreiten. Jeden Tag stirbt jemand. Es ist unerträglich. Warum tut man das? Weshalb mute ich meiner Familie dieses Elend zu. Das vergangene Leben erscheint fast wie das Paradies auf Erden. Man hatte doch noch etwas zum Leben. Es gab doch noch Hoffnung. Immer wieder. Bei allen Rückschlägen.

 

Früh morgens war es dann so weit. Alle waren wach. Schon lange. Die Überfahrt ging zu Ende. Wer bis dahin noch lebte, wer sich irgendwie bewegen konnte, musste zusehen. Die Einfahrt in den neuen Hafen. Vielleicht doch eine bessere Zukunft? Freude kommt auf und wird gleich wieder im Keim erstickt. Niemand heißt dich willkommen, schon gar nicht herzlich. Misstrauisch wirst du betrachtet. „Von wo kommst du her?“ „Vor denen muss man sich in Acht nehmen.“ Das hören wir mehr als einmal.

 

Und wieder die Warnung: Hütet euch vor Leuten, die angeblich das Beste für euch wollen. Die euch ihre Hilfe anbieten. Es können Betrüger sein, die allein euer Geld im Auge haben. Denen es egal ist, wie ihr hier zurecht kommt. Denen es auch egal ist, ob ihr hier eine Zukunft habt oder wieder zurückkehren müsst.

 

Aus dem Flüchtlingslager in der alten Heimat in die Auffanglager der neuen Heimat. Was haben wir gewonnen? Die Angst, die Ungewissheit, die Hoffnungslosigkeit bleibt.

 

So hat sich das für mich dargestellt. In meinem Urlaub. Im Auswandererhaus in Bremerhaven. Einem Museum, das auf unglaublich eindrückliche Weise Einblick gibt. Einblick in etwas, was ich selbst nie erfahren habe und aller Voraussicht nach nie erfahren werde. Einblick in die Gefühlswelt und das Leben von Menschen, von Millionen Menschen, die Anfang des 20. Jahrhunderts aufbrachen. Sie kamen nicht nach Deutschland. Sie kamen aus Bayern, der Pfalz, dem Saarland, Hessen und ihr Ziel war NewYork, Sydney oder Wellington, USA, Australien oder Neuseeland.

 

Diese Ausstellung besuche ich, in meinem Urlaub. In einem Land lebend, das seit Jahrzehnten von Frieden und demokratischen Strukturen geprägt ist. In dem wir alle etwas dafür tun können, dass es weiterhin so bleibt, mit all den Menschen auch, die hier leben, aus aller Herren Länder.

 

Ja, wir können viel dafür tun. In unseren Familien, in Vereinen, in der Politik, in der Kirchengemeinde. Wenn wir im kommenden Jahr das neue Presbyterium wählen, stehen wieder Menschen zur Wahl, die sich u. a. dafür einsetzen. Vielleicht möchten Sie das auch sein? Dann stellen Sie sich zur Wahl. Alle Generationen sind dazu eingeladen.

 

Ich grüße Sie ganz herzlich

Ihr Josef Ladislav JIRASEK

10.09.2019