Vom Glück des Zufalls und vom Leben in engen Grenzen

Ein Brief in ungewöhnlicher Zeit

... von Pfr. i.R. Hermann Preßler

Liebe A.,
dieser Brief an Dich beginnt mit einem Gedicht:

Frühlingsfeier
(Ludwig Uhland, 1787 bis 1862)

Süßer, goldner Frühlingstag!
Inniges Entzücken!
Wenn mir je ein Lied gelang,
sollt es heut nicht glücken?

Doch warum in dieser Zeit
an die Arbeit treten?
Frühling ist ein hohes Fest;
laßt mich ruhn und beten!

Unser Besuch bei Dir in Deinem schönen Haus in Tirol mit Blick auf die Almen liegt erst gut sechs Wochen zurück. Wir tranken Kaffee, und Du zeigtest uns die aktuellsten Bilder von Familienfeiern. In der ersten Februarwoche sprach in Tirol noch kein Mensch vom Corona-Virus, das kurz darauf unser Leben zu verändern begann. Von Deinem Fenster aus blickten wir auf schneebedeckte Pisten, auf denen Menschen ihrem Sport nachgingen und beim Apre Ski mit Musik eng zusammensaßen und sich vergnügten. Und jetzt – jetzt gehört Deine Heimatregion zu den Krisengebieten in Österreich mit den strengsten Einschränkungen der Bewegungsfreiheit seiner Bewohner. Und die Grenze zwischen Deutschland und Österreich ist nicht einfach eine Linie in unseren Gedanken und markiert durch ein paar Hinweisschilder, sondern sie ist für den freien Verkehr gesperrt.

Wer hätte das bei unserer Verabschiedung gedacht, als wir uns wie selbstverständlich in den Arm nahmen und herzlich drückten und schon überlegten, wann wir wiederkommen und scherzhaft sagten, „Tirol ist ja nicht aus der Welt.“ Und so plötzlich ist Tirol nahezu unerreichbar fern. Und wären wir, weil unsere mehr oder weniger zufällige Urlaubsplanung anders ausgefallen wäre, nur zwei Wochen später bei Dir gewesen -, wir wären nach Hause gekommen und hätten uns erst einmal vierzehn Tage aus Sicherheitsgründen in Quarantäne begeben müssen, oder wir hätten uns vielleicht sogar, als Urlauber unter Urlaubern, mit dem Virus angesteckt. Und wir hätten vielleicht durch unseren Besuch bei Dir, ein schlimmer Gedanke, das Virus in Dein Haus getragen. Nun, so gesehen hatten wir einfach Glück.

Wie soll ich sagen, liebe A.: die Stimmung ist hin. Bestimmte persönliche Pläne, Wünsche haben sich fürs erste zerschlagen. Was selbstverständlich war, ist es nicht mehr. Ein kleines Beispiel. Wir hatten in unserem Nachbar-Freundeskreis vereinbart, dass unter den drei Familien jede Woche die eine für die anderen mit kocht und wir abends zusammen essen. Das ist natürlich, verglichen mit dem, welche gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen auf unsere Länder insgesamt zukommen, lächerlich. Aber auf einmal liegen nicht nur sozusagen Welten zwischen Tirol und dem Saarland, sondern auch zwischen drei Nachbarhäusern ein- und derselben Straße.

Im Moment bleibt uns nichts anderes übrig als abzuwarten und auf möglichst gute und baldige Besserung zu hoffen. Der Frühling (auf der Nordhalbkugel der Erde) hat ja erst begonnen. Aber, im Jahr 2020, mit was für einem welterschütternden Paukenschlag. Aber weißt Du was? Die Natur interessiert das gar nicht. Sie denkt nicht, sie hofft nicht, sie ist einfach da, ja, man muss, aus menschlicher Sicht sogar sagen: Sie leidet nicht so sehr unter uns Menschen, wie sie es sonst tut, kurz gesagt: Die Luft ist viel reiner als sonst, weil weniger Schadstoffe in die Umwelt von unseren stark zum Erliegen gekommenen menschlichen Aktivitäten ausgestoßen werden. Wir Menschen sind bedrückt, die nicht-menschliche Natur atmet auf. Die Atmosphäre unter uns ist besorgt, das Klima der Natur ist heiter.

Letzteres ist auch schön. Seit Tagen scheint bei uns die Sonne von einem blauen Himmel, wir haben milde Tage erlebt, aber auch noch solche, in denen der Wind kalt bläst und nachts die Temperaturen unter null sinken. Wir gehen miteinander täglich länger spazieren, zu zweit oder in der kleinen Familie ist das nicht verboten. Gut, um auf das eingangs zitierte Gedicht zurückzukommen: Wir „singen“ nicht, schon gar nicht Frühlingslieder in Chören, aber ein stilles Lied zum Beispiel morgens, nach dem Aufwachen, kommt mir in den Sinn, wenn ich gut geschlafen habe und mich gesund fühle:

„All Morgen ist ganz frisch und neu / des Herren Gnad und große Treu, / sie hat kein End den langen Tag, / drauf jeder sich verlassen mag.“ Dass Gott seine Menschen nicht vergisst, lass uns darauf hoffen, liebe A.

Dass viele Menschen versuchen, sich Mut zuzusingen – doch das gibt es auch, sogar in unserer Straße; da wohnt eine musikalische Familie, die am frühen Abend von ihrem Balkon aus für ein paar Minuten Musik macht, Nachbarn treten vor die Tür, zeigen sich, hören zu und klatschen zum Dank.

Doch warum in dieser Zeit
an die Arbeit treten?
Frühling ist ein hohes Fest;
laßt mich ruhn und beten!

Viele Arbeiten sind bei uns (wie auch in Österreich) zurzeit nicht möglich, aus unterschiedlichen Gründen. „An die Arbeit treten?“ Das tun zurzeit nur diejenigen, auf deren Arbeit wir alle angewiesen sind, die pflegend und helfend und schützend und verwaltend Berufstätigen (Medizinisches Personal, Polizei usw.). Und die, die für die Herstellung und den Transport unserer Nahrung sorgen, und diejenigen, die für die Aufrechterhaltung unserer unverzichtbaren Wirtschaftskreisläufe für uns die notwendige Arbeit verrichten.

Und die anderen? „Lasst mich ruhn und beten!“ Vielleicht wäre das nicht das Schlechteste, wenn große Teile unserer Gesellschaft zur Ruhe kämen, Ruhe in sich und um sich herum fänden und sich in guten Gedanken vereinigten – gute Gedanken hegten für die, die in dieser schwierigen Zeit ihre Arbeit tun. „Beten“ ist: spüren, sehen wollen(!), was wir jetzt an Fürsorge und Einfühlungsvermögen und guten Worten füreinander übrighaben. Das wird Gottes Segen haben.

Dir, liebe A, alles, alles Gute,
Dein

 

27.03.2020