Gottesdienstimpuls für den Sonntag Judica (29. März 2020)

Judica me, Deus, et discerne causam meam de gente non sancta

Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk. Gott, schaffe mir Recht. (Ps 43,1)

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BEGRÜSSUNG
 
Liebe Gemeinde, wieder ist es das erste Wort aus diesem Satz im 43. Psalm, das dem Sonntag den Namen gab: Judica me, Deus. Schaffe mir Recht, Gott.

Gott als Richter. Wie oft wurde dieses Bild schon aufgegriffen. In besten Absichten genauso wie mit dem Ziel, Menschen zu manipulieren, ihnen Angst zu machen.

Gott als Richter. Eines von vielen Bildern. In der Passionszeit tauchen noch ganz andere auf.

Bilder, die alle in der gegenwärtigen Situation eine ganz neue Deutung erfahren können. Wir denken darüber nach. In diesem virtuellen Gottesdienst, den wir wie alle unsere Gottesdienste feiern: Im Namen Gottes, den wir als Vater und als Sohn und als Heiligen Geist glauben.

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.


LIED 97 Holz auf Jesu Schultern

1. Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht.

Kyrie eleison, sieh wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.


Schaffe mir Recht. Aber es ist eine ganz andere Gerechtigkeit. Kein „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Das gab es, um Gewalt unter Menschen einzudämmen. Um einer Gewalttat nicht noch eine größere folgen zu lassen.

Kein: „Gott lässt sich nur erbarmen, wenn du richtig handelst!“ Das hatte Martin Luther schon schlaflose Nächte bereitet.

Nein. Ein verfluchtes Stück Holz, das zum Baum des Lebens wird.


PSALM 43

Schaffe mir Recht, Gott, und führe meine Sache wider das treulose Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten! Denn du bist der Gott meiner Stärke.

Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt?

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.


LIED 97 Holz auf Jesu Schultern

2. Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.


Nein, das Leben ist keine Fahrt ins Blaue. Es ist nicht nur schön. Es begegnen uns Dinge, auf die wir gerne verzichten können. Wir rufen um Schutz vor falschen und bösen Menschen. Es herrscht nicht nur Friede. So ist das Leben nicht. Definitiv.

Die Freunde Jesu haben es auch immer wieder erfahren. Was sie aus der Bahn werfen kann. Wo Friede bröckelt, in ihren eigenen Reihen. Weil sie ganz unterschiedliche Ziele verfolgen. Weil sie Menschen sind.


SÜNDENBEKENNTNIS

Zum Beispiel in dieser einen Situation, in der Ärger ins Haus stand. Als die beiden Söhne des Zebedäus eine besondere Stellung von Jesus einforderten. Wollten zur Rechten und zur Linken von Jesus sitzen, um das sichtbar zu machen. Gut möglich, dass sie dachten, die anderen Freunde hätten ihre Bitte nicht mitbekommen. Aber dem war nicht so. Sie hatten es gehört, waren wütend auf die beiden. Rangstreit. Sich selbst erhöhen. Gleichzeitig andere erniedrigen. Jesus hat reagiert. Nicht mit Wut, nicht mit Zorn. Er hat ihnen deutliche Worte gesagt. Und: Er hat sich ihrer erbarmt.

Um solche Vergebung, um solches Erbarmen bitten wir bis heute. Auch in allen Gottesdiensten. Darum bitten wir auch an dieser Stelle: Herr, erbarme dich. Kyrie eleison.


♫ Kyrie eleison ♫


LESUNG Markus 10, 35-45

Ja, die übrigen Freunde hatten mitbekommen, was Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus gefragt hatten, und sie waren sehr wütend.
Wie reagierte Jesus? „Ihr wisst, wie das unter den Menschen ist. Herrscher unterdrücken ihre Völker, Mächtige missbrauchen ihre Macht über die Menschen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Wer bei euch Erster sein will, der muss bereit sein, sich ganz hinten anzustellen.
Wer meint, das Sagen zu haben, der soll im Gegenteil den anderen dienen.
Denn auch der Menschensohn kam, um jedem zu dienen. Er ist gekommen, um mit seinem Leben viele Menschen freizukaufen. Mit seinem Leben die Freiheit zu schenken“


Es sind diese Begegnungen, es sind diese Worte Jesu, die unseren Glauben mit bestimmen. Genau daran denken wir, wenn wir uns zu unserem Glauben bekennen:


GLAUBENSBEKENNTNIS

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.



LIED 97 Holz auf Jesu Schultern

3. Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht. Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

4. Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht. Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

5. Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu. Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du?

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.



Ein paar Gedanken zu einem Text aus dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes


Die Erde klagt uns an. Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht. Die Erde jagt uns auf den Abgrund zu. Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du?

Zwei Sichtweisen, zwei Blickwinkel. Einmal bin ich deutlich selbst mit einbezogen. Mit meinen Erfahrungen, mit meinen Zweifeln, mit allen meinen Unzulänglichkeiten. Die Erde klagt uns an, sie jagt uns in den Abgrund. So sagen es viele. Wir tun auch einiges, solchen Einschätzungen Nahrung zu geben. Das menschliche Miteinander - oft eine einzige Katastrophe. Die uns anvertraute Schöpfung - wohin haben wir sie mit unseren Mitteln gebracht?! Die Prioritäten, die wir in unseren Gesellschaften, in unserem Alltag setzen - wie schnell können sie in Frage gestellt werden. Ein Virus reicht aus.

Ein Blickwinkel, eine Sichtweise, von vielen geteilt.

Und immer wieder die Schlussfolgerung in religiösen Kreisen: „Ihr wisst genau, was Ihr tut. Wer sich nicht dagegen ausspricht, wer daraus nicht die richtigen Konsequenzen zieht, ist von Gott verlassen. Mehr noch: Gott wird ihn strafen für jedes Versäumnis, für jedes Verhalten, das dem Glauben widerspricht.

Keine neuzeitliche Sicht. Auch in vielen biblischen (und außerbiblischen, uralten und neuen) Texten genau so vertreten.

Im Hebräerbrief klingt das immer wieder an, besonders deutlich in solchen Sätzen: „Wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, bleibt hinfort kein Opfer mehr für die Sünden, sondern ein schreckliches Warten auf das Gericht und ein wütendes Feuer, das die Widersacher verzehren wird. Wenn jemand das Gesetz des Mose missachtet, muss er sterben ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin. Eine wie viel härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes für unrein hält, durch das er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht? Schrecklich ist's, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“

Da ist wieder der Richter-Gott. Der unbarmherzige, der Menschen sofort straft für jedes Vergehen. Wer kann diesem Gott, wer kann seiner Strafe entgehen? Das haben sich die Jünger selbst auch schon gefragt. Und ganz ehrlich: Als ihnen gesagt wurde, wie sehr sie sich gegen Jesus stellen werden. Als ihnen Verrat, Verleugnung und mehr vorhergesagt wurde, dass sie alle an Jesus irre werden würden. Spätestens da hätte die größte Angst in Ihnen aufkommen müssen. „Schrecklich ist’s in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“

Angst hatten sie. Petrus hat ihr den mit bekanntesten Ausdruck gegeben, hat dreimal geleugnet, am Ende sogar geflucht und geschworen, dass er von diesem Menschen, von diesem Jesus nichts wisse. Erst dann hat der Hahn zum zweiten Mal gekräht. „Schrecklich ist’s in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“


Aber das alles ist nur die eine Wahrheit, die eine Sichtweise, der eine Blickwinkel. Die andere Wahrheit kam hinzu. Das Abendmahl, das sie miteinander feierten, obwohl Jesus ihnen ihr Versagen auf den Kopf zusagte. Und drei Tage nach der Kreuzigung außerhalb der Stadt. Eine zusätzliche Schmach, die ihre Verzweiflung unterstrich. Aber drei Tage später geschah etwas, was ihnen alle Hoffnung zurückbrachte.

Und genau das haben sie weitergegeben. Und auch derjenige, der den Hebräerbrief schrieb, hatte das gehört. Er nennt sich selbst einen Ohrenzeugen. Möchte, dass sich weiterhin alle von der Botschaft Jesu mitreißen lassen, dass sie einander wie Geschwister begegnen, in geschwisterlicher Liebe. Und merkt zugleich, dass viele schon wieder ganz andere Wege gehen. Vergessen wollen, was an Karfreitag geschah. Als Jesus gelitten hat, draußen vor dem Tor. Gelitten, "damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut."

Schon damals eine schwer zu verstehende Botschaft. Die Folge für die Unverständigen: „Schrecklich ist’s in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“

Und die andern: Sie lassen sich von der Schmach dieses Todes nicht in ihrem Leben beeinflussen. Sie stehen dazu. Gehen sozusagen selbst hinaus und tragen die Schmach Jesu selbst mit. Lassen sich die Hoffnung nicht nehmen. Und sagen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Ich kann den letzten Satz gut mitdenken. Er weist über das hinaus, was wir hier erleben und erfahren. Er lässt immer Hoffnung, egal, was geschieht. Auch die Folgerung, die im Hebräerbrief erwähnt wird: „Durch Jesus wollen wir Gott jederzeit und in jeder Lebenslage Dankopfer darbringen; das heißt: Wir wollen uns mit unserem Beten und Singen zu ihm bekennen und ihn preisen. Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. Das sind die Opfer, an denen Gott Gefallen hat.“

Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Es bleibt unsere Aufgabe, aus unserem Glauben Kraft zu gewinnen und an möglichst vielen Stellen Gutes zu tun. Es bleibt unsere Aufgabe und es bleibt ebenso dabei: Wie die engsten Freunde Jesu scheitern wir immer wieder daran.

Genau da kommt der andere Blickwinkel zum Tragen. Während die Erde uns anklagt, sagt der Himmel uns: Alles ist vollbracht. Während uns die Erde auf den Abgrund zujagt, fragt uns der Himmel: Warum zweifelst du? Während die Jünger alles falsch machen, was sie falsch machen können, feiert Jesus mit ihnen das Abendmahl.

Diese andere Perspektive lässt mich nicht los. Mit ihr gehe ich in die vor mir liegende Woche. Und mit ihr spreche ich mein Gebet und singe auch das eine oder andere Lied.


FÜRBITTENGEBET UND VATERUNSER

Guter Gott, beängstigend und manchmal gespenstisch ist die Situation. Etwas, was nicht zu sehen und auch nicht zu greifen ist, beschäftigt mich. Jeder Tag beginnt mit dem Blick auf die neuesten Nachrichten.
Und genau in dieser Situation bitte ich dich mit den Worten des Psalmbeters: Sei mein Hirte, auch durch jedes finstere Tal.

Genau in diesen Tagen lasse ich mich an das Wort aus dem 2. Timotheusbrief erinnern, wenn er schreibt, dass du uns nicht den Geist der Furcht gegeben hast, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Und ich lasse mich heute und morgen und den Tagen, die folgen von der Zuversicht anstecken, die aus diesem Satz herauszuhören ist: Wir stecken den Kopf nicht in den Sand, sondern pflanzen das berühmte Apfelbäumchen munter und frohgemut weiter.

Ja, das versuche ich.

Und wünsche mir, dass dieses Denken und Glauben auch andere erfasst, die mich selbst auch wieder stärken können, wenn ich wieder nachdenklich werde oder meine Zweifel habe. Wir brauchen uns gegenseitig.

Guter Gott, sei so gerade auch bei den Erkrankten. Sei so gerade auch bei denen, die weinen, weil ein Mensch an dieser Krankheit starb.

Sei so bei denen, die jeden Tag auf’s neue in Krankenhäusern, Arztpraxen, Lebensmittelgeschäften und an anderen Orten ganz konkret da sind für viele, die ihre Dienste in Anspruch nehmen.

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.


SEGEN

Guter Gott,
Segne uns und behüte uns. Lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden.


LIED 97 Holz auf Jesu Schultern

6. Hart auf deiner Schulter, lag das Kreuz, o Herr, ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.
Ich wünsche Ihnen allen eine gute Woche.

Ihr Josef Jirasek

29.03.2020