Angedacht

...von Pfarrer Josef Jirasek

Liebe Gemeinde,

 

die letzten Wochen sind sehr eigenartig. Niemand weiß genau, wie das weitergeht. Man weiß auch nicht immer, wie man sich verhalten, was man glauben, was tun oder lassen soll. Und die Arbeits- und überhaupt Lebensabläufe haben sich für sehr viele sehr verändert. In einigen E-Mails, die ich in der letzten Zeit geschrieben habe, ist das auch immer wieder angesprochen worden.

 

Ich zitiere daraus. Aus den Ausführungen wird ersichtlich, was in den vergangenen Wochen in unserer Gemeinde alles geschehen ist. Und das ist nicht wenig.

 

 

Auszüge aus E-Mails, die einen

Einblick in das Gemeindeleben geben.

 

Du willst von mir wissen, wie mein Tagesablauf zur Zeit ist.

 

Ich arbeite weiterhin gerne. Es ist nur fast alles vollkommen anders. Mein Arbeitsplatz ist weniger vor Ort, bei Leuten im Krankenhaus, in Seniorenhäusern, Geburtstagsfeiern oder Veranstaltungen in der Gemeinde. Mein Arbeitsplatz ist zu etwa 75 % das Zimmer, in dem ich jetzt auch sitze und schreibe. Und Schreiben hat einen viel größeren Stellenwert als vorher. Gerhard Groß, der die Internetseite der Kirchengemeinde pflegt, bekommt das in besonderer Weise zu spüren. Immer wieder neue Berichte, Ergänzungen. Die Konfi-Seite lag längere Zeit brach. Jetzt gewinnt sie Gestalt. Es war nicht einfach, KU, Konfirmandenfreizeit und dann auch noch die Konfirmation abzusagen. Ich hoffe sehr, dass wir noch in diesem Jahr die Feier nachholen. Es gab auch sehr traurige Momente zuletzt, da merke ich, wie mir die Hände doch gebunden sind. Persönliche Begegnungen können durch kein elektronisches Medium ersetzt werden.

 

Trotzdem, wir gehen nicht dran vorbei. Wir gehen auch zukünftig nicht dran vorbei, werden vielleicht das eine oder andere viel bewusster in unseren Arbeitsalltag einbinden. Vielleicht erscheinen meine Gottesdienst-Impulse für den jeweiligen Gottesdienst des Kirchenjahres auch zukünftig im Internet. Auch anderes wird es eventuell weiter geben. Etwa in der Art unseres Hausgottesdienstes, den wir jeden Sonntag von 10:00 bis 10:10 Uhr feiern. Jeder bei sich zuhause, außer einem, der in der Kirche sitzt und dort nach derselben Liturgie den "gemeinsamen" Gottesdienst feiert. 10 Minuten, während die Glocken in Brebach, Fechingen und Bliesransbach läuten. Warum sollen wir nicht jeden Gottesdienst zukünftig mit Glockenläuten beginnen für alle diejenigen, denen der Besuch in der Kirche verunmöglicht ist, die aber gerne dazugehören möchten. Zehn Minuten zu Beginn nach einem festen Ablauf.

 

Oder die virtuellen Konferenzen. Warum nicht den einen oder anderen unaufschiebbaren Beschluss zukünftig auf diesem schnellen Weg fassen? Oder die Kinderkirche-Seite. Könnte man doch auch in der Zeit weiterführen, in der die Kinderkirche nicht stattfindet.

 

Was mache ich noch? Ich beantworte viele E-Mails, so wie Deine heute Abend. Ich habe mir das Gemeindegliederverzeichnis vorgenommen und die Postleitzahl 66130 eingegeben. Jetzt rufe ich bei etlichen Gemeindegliedern an und frage, wie es ihnen geht. Das sind ganz interessante Gespräche, die wir führen. Gespräche, die von wenigen Minuten bis zu einer Stunde oder sogar länger dauern. Weil es viel zu besprechen gibt. Man kommt ja nicht raus.

 

Ich habe mir auch die Geburtstagsliste vorgenommen. Sonst besuche ich nur die Geburtstagskinder ab 80 Jahren. Jetzt schreibe ich allen ab 70 eine Karte. Unsere Gottesdienstliturgie für die Hausgottesdienste lege ich bei.

 

Mit dem BürgerInnenzentrum Brebach sind wir in Kontakt, wie vorher auch. Zur Zeit konzentrieren wir uns auf die nachbarschaftliche Hilfe. Mit dem EDEKA-Lebensmittelmarkt ist verabredet, dass Ehrenamtliche von 7-8 Uhr mit einem Begleitschreiben der Kirchengemeinde Lebensmittel für andere einkaufen können. Bezahlt wird über ein Kundenkonto der Kirchengemeinde und abgerechnet wird am Ende des Monats. Bisher allerdings wurde diese Hilfe noch kaum in Anspruch genommen, was ja ein gutes Zeichen ist. Wir werden sehen, wie sich das weiter entwickelt.

 

Finanziell haben wir auch etwas in die Wege geleitet. Wir überweisen für jede Gottesdienstkollekte 50 Euro. Das ist der durchschnittliche Betrag, den wir bisher bekommen haben.

 

Ich überlege mir noch und habe das auch schon an anderer Stelle eingebracht, wie wir mit den wirtschaftlichen Folgen umgehen. Welchen Beitrag können wir leisten? Das wird uns auf jeden Fall noch weiter beschäftigen. Meine Wirtschaftsideen sind sehr einfach, mehr als einfach im Geiste will ich da auch gar nicht sein. Ich gehe von 40 Millionen Arbeitenden in Deutschland aus. Überlege mir, dass für die allermeisten 10 Euro im Monat, das ist ein wenig mehr als 1 Päckchen Zigaretten, kein Problem darstellen. Andere könnten mindestens 20 Euro oder auch mehr entbehren. Das wären schon mal im Monat 400 Millionen Euro, in 10 Monaten 4 Milliarden. Mindestens. Wie gesagt 10 Euro stellen für die allermeisten kein Problem dar. Andere könnten ohne Probleme diese Summe jeweils aufrunden. Ich habe soundso oft das Gefühl, dass unendlich viel Geld zur Verfügung steht. Die Verteilung ist manchmal nicht nachvollziehbar.

 

Eigentlich wünsche ich mir für die Zukunft auch da ein Umdenken. Und es dürfte dann auch nicht mehr möglich sein, aus solchen Situationen so skrupellos Kapital zu schlagen, Marktwirtschaft hin oder her, immerhin haben wir in der Regel ja auch "sozial" davorstehen. Einen Händler, der seinen Mundschutzmasken-Preis um 3000 % steigert, dürfte es dann in dieser sozialen Marktwirtschaft nicht mehr geben. Eigentum verpflichtet nämlich wirklich, so steht's nicht nur im Grundgesetz. Und u.U. wird auch der 3. Punkt dieses 14. Artikels nochmal mehr in Erwägung gezogen. Bei 3000 % durchaus bedenkenswert.

 

Natürlich geht auch der Gemeindealltag in bestimmten Grenzen weiter und zu alldem kommt dann das eine oder andere noch dazu, etwa das tägliche Läuten von 19:30 bis 19:35 Uhr, das ich zusammen mit der katholischen Kirchengemeinde in Bliesransbach übernehme. Da überrasche ich mich immer mit meinem Ansinnen, möglichst Punkt halb acht die eine Glocke unserer kleinen Kirche vor Ort läuten zu lassen, bevor dann die katholischen Glocken dazukommen. Es ist ein wenig wie bei Don Camillo und Peppone, ich weiß nur noch nicht, wer wer ist. Geschäftliches muss natürlich auch sein und eben die eine oder andere E-Mail.

 

Es freut mich dann immer, wenn ich eine Rückmeldung erhalte. Auch, wenn es eine positive ist, wenn mir jemand schreibt, dass ich etwas ganz Ermutigendes gesagt habe. Etwa, dass für mich Corona als Wort gar nicht negativ besetzt ist. In Neunkirchen gab es immer das Corona-Hochhaus und das Corona-Kino. Ein ganz beliebter Ort für viele. Meine Schwiegermutter hatte übrigens direkt dieselbe Assoziation.

 

Die Arbeit hat sich gewandelt, einiges ist ganz neu. Und vom vielen Schreiben und Telefonieren kann man "Muskelkater" in den Fingern und im Ohr bekommen. Abends bin ich oft geschaffter als sonst. Weil eben alles so anders ist. Nichts anderes höre ich von den übrigen Mitarbeitenden unserer Kirchengemeinde. Auch da haben sich ganz neue Arbeitsabläufe ergeben, es werden Dinge aufgearbeitet, die sonst nicht wahrgenommen werden oder liegenbleiben.

 

Die Zeichen stehen auf Veränderung. An ganz vielen Stellen. Vielleicht erleben wir einen Paradigmenwechsel, der durchaus etwas sehr Positives haben kann. Weltweit. In dem Zusammenhang wünsche ich mir auch, dass die Menschen in einigen Ländern, die zum ersten Mal einen Himmel gesehen haben, von der Schönheit dieser Welt so überwältigt werden, dass sie das auch für die Zukunft einfordern.

 

Alles Utopie? Wenn ja, dann ist das umgekehrte Denken noch viel utopischer, weil es uns nur immer weiter an unsere Grenzen führt. Zu 3000 %.

 

Also bin ich weiterhin utopisch und greife dann auch gerne das Motto der Fastenaktion diesen Jahres auf: Wochen ohne Pessimismus. Und orientiere mich an Paulus, wenn der schreibt: "... die Griechen suchen nach Weisheit. Wir aber verkünden den Menschen, dass Christus, der von Gott erwählte Retter, am Kreuz sterben musste. Für die Griechen blanker Unsinn. Und dennoch erfahren alle, die von Gott berufen sind, gerade in diesem gekreuzigten Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Was Gott getan hat, übersteigt alle menschliche Weisheit, auch wenn es unsinnig erscheint; und was bei ihm wie Schwäche aussieht, übertrifft alle menschliche Stärke."

 

Dieses Denken darf in meinem ganzen Leben Besitz von mir ergreifen, da bin ich gerne ein Narr, wie Paulus es in seinem 2. Brief an dieselbe Gemeinde in Korinth immer wieder sagt.

 

Seid ganz lieb gegrüßt

Josef

07.06.2020