Angedacht

...von Pfarrer Josef Jirasek

Liebe Gemeinde,

 

nein. So war das nicht gedacht. Da überlegst du, wie kannst du dich auf alles Mögliche einstellen. Wie kannst du dies oder jenes regeln. Was kann verlegt werden? Was kann auch ganz ausfallen?

 

Und dann haut es dir Woche um Woche, Monat um Monat und jetzt seit über einem Jahr alle Pläne vom Tisch. Alles Makulatur. Neues Schreiben aufsetzen. Neue Pressemitteilung. Wann hat es das schon mal gegeben, dass Pressemitteilungen vom Herausgeber selbst ständig korrigiert werden?

 

Aber was willst du anderes tun? Motzen? Sich Beklagen über die Unfähigkeit von irgendwem? Von wem denn genau? Der einzig Fähige ist der Virus, der’s geschafft hat, innerhalb eines Jahres die Welt … zu verändern. Auf den Kopf gestellt hat er sie nicht. Wird ihm auch nicht gelingen. Es ist auch nicht seine Welt. Sie bleibt weiterhin Gottes Schöpfung. Aber der Virus hat’s geschafft, auch längst gestellte Fragen wieder in den Vordergrund zu rücken. Fragen zu ungerechter Verteilung auf dieser einen Erde. Fragen zu Reichtum und Armut, weltweit und mitten unter uns. Fragen zu Prioritäten, die wir setzen wollen und setzen müssen.

 

An einer Stelle wurde es vollkommen grotesk: Ein Krieg wurde unterbrochen. Ein Krieg, in dem sich Menschen ohne Sinn Gewalt antun. Wo gemordet wird und alles irgendeine scheinheilige Legitimation erhält. Wo die Allerschwächsten die geringste Chance haben, irgendetwas zu tun. Wo gegen den Willen Gottes verstoßen wird, egal, welchen Namen Gott dabei trägt. Ja, ein Krieg wurde tatsächlich unterbrochen. Um ihn ganz zu beenden? Um Friedenswege zu suchen? Nein! Wegen der Gefahren — durch den Corona-Virus!! Man musste sich doch schützen. Schützen, um anschließend was zu tun?

 

Ich wünschte mir, man könnte nachhaltig neue Prioritäten setzen. Vom Krieg zum friedlichen Zusammenleben. Zum Schutz von uns selbst, zum Schutz dieser Erde.

 

Und tatsächlich: Was ist in den letzten Monaten alles angebahnt worden!? Alles überhaupt nicht neu, aber doch immer wieder mal in den Hintergrund getreten. Da fragen die Jungen nach den Alten. Findet man über unterschiedliche Wege ganz neue Zugänge zueinander. Werden umweltfreundliche Fortbewegungsmittel genutzt, der Naturraum vor der eigenen Haustür neu entdeckt. Das gehört mit zu den letzten Monaten bei allen schwierigen Situationen und Momenten.

 

Und genau diese Erfahrungen möchte ich mit in die Zukunft nehmen. Die für mich beruflich sozusagen mit diesem Gemeindebrief endet. Und ich bin sehr gespannt, was mich ab August im Ruhestand erwartet. Bis dorthin allerdings halt ich noch viel Ausschau nach allem, was ermutigend, zukunftsweisend und ganz im Sinne Gottes ist, der von uns keine Alleingänge, keine Höhenflüge, schon gar keine Selbstüberhöhungen erwartet, sondern ganz einfach: Dass wir als Menschen anderen Menschen begegnen. Lasst uns das weiterhin tun.

 

Ich grüße Sie alle ganz herzlich

Ihr Josef Ladislav Jirasek

13.06.2021