Angedacht

...von Pfarrer Florian Schmitz-Kahmen, Vakanzverwalter

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Es ist eine Hochzeit, das junge Paar strahlt vor Glück, strahlt sich immer wieder an. Die Gäste sind entspannt und fröhlich, das Wetter ist wunderbar und das Essen köstlich. Der Bräutigamsvater steht auf, um seine Rede zu halten. Im Raum ist es still, die Gäste werden ernst, einige scheinen sich zu sorgen. Es gibt Streit in der Familie, es ist bekannt, dass der Bräutigamsvater nicht ganz einverstanden ist mit seiner Schwiegertochter und sich schon öfter mit ihr gestritten hat. Viele halten in dem Saal die Luft an, erwarten mit Spannung die Worte. Und dann beginnt er, ganz langsam, die Worte sind sorgfältig gewählt. Der Vater berichtet, wie sehr er seinen Sohn liebt und wie glücklich er ist, dass sein Sohn seine Frau fürs Leben gefunden hat und wie sehr er sich freut, dass beide in seinen großen Bauernhof mit eingezogen sind und wie kostbar es für ihn ist, nicht alleine zu sein. So langsam verlässt er sein geschriebenes Wort und spricht frei. Er berichtet ganz sanft und ehrlich von manch einem Streit und räumt seinen Anteil dabei ein, ganz vorsichtig und für alle gut zu hören. Er endet mit dem Dank an das Brautpaar, mit Wünschen für sie und alles kommt von Herzen und ist geprägt von einer großen Liebe für beide. Die Familien atmen auf und applaudieren erleichtert und sehr berührt. Und jedem ist klar: der Bräutigamsvater hat nicht gelogen, er hat keine Show gemacht, sondern es ist im Moment der Rede etwas passiert. Er hat sich besonnen, sich konzentriert auf das, was er seinem Kind wünscht, was er jetzt diesen beiden Kindern von Herzen sagen möchte. Er ist in diesem Moment über seinen eigenen Schatten gesprungen, hat seine eigenen Befindlichkeiten zurückgestellt und sich mitgefreut. Und es scheint, als ob auch er sehr erleichtert ist. Endlich hat er das gesagt, was das Wichtigste ist, was seine Beziehung zu seinen Kindern am meisten prägt.

 

Als Jesus ankündigt, dass jemand ihn aus seinem engsten Kreis verraten wird, da schließt er seine Rede mit der Ansage eines neuen Gebotes. „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

(Johannes 13, 35)

 

Das gilt auch für uns, liebe Schwestern und Brüder, daran erkennt man einen jeden von uns, daran soll man uns erkennen. Sind wir das, schaffen wir das? Es ist gar nicht so leicht, immer wieder die Liebe nach vorne zu holen, trotz allem immer wieder neu zu hoffen, Chancen zu geben, sich zu besinnen, statt zu hassen. Ja, es ist schwer, immer wieder der Liebe Raum zu geben, statt der Entmutigung, des Aufgebens, des Verurteilens. Aber hier werden wir ganz klar von Jesus dazu aufgerufen. Dass das nicht leicht ist, zeigt sein eigener Kontext: dieses Gebot entsteht in dem Moment, in dem er weiß, dass einer der engsten Vertrauten ihn verraten und dem Tode ausliefern wird. Machen wir uns das klar: genau hier spricht Jesus von Liebe, von dem einander Lieben. Das ist sehr groß. Das erscheint uns vielleicht unmöglich, aber genau das fordert Jesus von uns. Genau das ist unsere Identität als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesus, als seine Jüngerinnen und Jünger. Genau das soll uns auszeichnen, dass wir uns untereinander lieben, wie Jesus uns geliebt hat. Der Bräutigamsvater hat es geschafft, er ist aufgestanden und hat sich auf die Liebe für seine Kinder besonnen und es als das Wichtigste gesehen. Er ist zurückgekehrt zum Fundament und hat so seine eigene Identität, seine Rolle und Aufgabe als Vater und Schwiegervater neu gefunden. Ich wünsche uns in diesen Zeiten, dass wir uns immer wieder unserer Identität bewusstwerden. Dass wir immer wieder zur Liebe zurückfinden: in unseren Gemeinden, an unseren Arbeitsplätzen, in unseren Familien und Freundeskreisen, bei unserem politischen Engagement, in unserem ganzen Menschsein.

 

Gottbefohlen, Ihr Vakanzverwalter

 

 

 

(Florian Schmitz-Kahmen, Pfr.)

21.09.2022